Keine Chance für die Liebe

Teil 4: Der erste Satz kann der letzte sein.

Die E-Mail, schick gestaltet, kam dieser Tage. „GRAVITY+“ verkündete das Aufmacherbild in leseunfreundlichen und zum Teil gestürzten Großbuchstaben. Also mal lesen, um was es da geht:

Lieber Herr Fleischer,
erinnern Sie sich für einen Moment an Ihre erste große Liebe. Diese magische Anziehungskraft, die zu grenzenlosem Vertrauen und tiefgreifender Verbundenheit führt, ist der Grundstein einer erfolgreichen Beziehung.

Spätestens jetzt ziehen sich tiefe Falten über meine Stirn: Was soll das? Weiterlesen ist Zeitverschwendung. Als Texter mach‘ ich’s natürlich trotzdem:

Jetzt sind Sie wahrscheinlich verwirrt, weil Sie dachten hier geht es um Employer Branding, aber wenn Sie genauer hinsehen, werden Sie erkennen, dass es genau darum geht: Verguckt. Vertraut. Verbunden. – Sollte nicht jedes erfolgreiche Employer Branding so wirken?

Nun nimmt das Ganze schon masochistische Züge an. Und die Pein verlängert sich, es dauert immer noch einen Absatz, bis die Mail in die Nähe des springenden Punkts kommt:

Damit Ihr Employer Branding nicht so fragil bleibt, wie die erste große Liebe, zeigen wir Ihnen auf der Gravity, wie Sie erfolgreiche und dauerhafte Beziehungen zu Ihren zukünftigen Mitarbeitern aufbauen können und Ihr Unternehmen zur Liebe auf den ersten Blick wird.

Mal abgesehen davon, dass der Schreiber wohl keine Ahnung davon hat, wie „fragil“ meine erste große Liebe war: Im Zeitalter der dutzendfachen E-Mails führen solche gedrechselten Umwege direkt in die Sackgasse des Papierkorbs.

Aber heißt es nicht, man müsse Geschichten erzählen, um den Empfänger mit dem Text zu fesseln? Schließlich redet alle Welt vom „Storytelling“. Darum geht es hier doch, oder?

Gemach, gemach, denn auch Storytelling ist kein Allzweckreiniger. Bei einem Post auf Facebook mag die Liebesgeschichte um Employer Branding ihre Berechtigung haben. Aber nicht in einer Massen-Mail, die sich im Gewimmel von 200 Milliarden täglich versandten elektronischen Nachrichten durchsetzen muss.

Dafür gibt es eine ganz andere, ganz einfache Grundregel: Sag mir ganz schnell, um was es geht und was es mir bringt. Das klingt dann vielleicht nicht ganz so poetisch, aber es wirkt.

Die Frage ist nicht, ob ein Text sprachwissenschaftlich gut oder schlecht ist. Sondern ob er im gewählten Medium wirkt. Ein und derselbe Text kann für das E-Mail-Marketing sehr schlecht und für die Internetseite sehr gut sein. Mehr dazu bald in Teil 5 unserer kleinen Serie.