Essen Vegetarier eigentlich Fleischtomaten?

Teil 1: Das Wichtigste zwischen den Zeilen

Die Tagezeitung der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden dürfte eigentlich kein Provinzblatt sein. Aber manchmal schreibt sie so, beispielsweise am 17. Juli 2018 bei dem Bericht über eine Schlägerei: „Einer der Geschädigten musste zur weiteren Behandlung in ein nahe gelegenes Krankenhaus verbracht werden. Wie es zu der Auseinandersetzung kam, bedarf weiterer Ermittlungen.“ Sind Sie auch schon mal „verbracht“ worden? Da halten wir es lieber mit André Heller: „Schlag’ einen Salto in die Alphabete, zieh’ jeden Satz wie eine Flagge auf.“

Okay, Produkterklärungen oder Gebrauchsanweisungen lassen dem Salto oft kaum Raum. Doch auch dort geht’s klar und verständlich. Der Texter soll sich beim Formulieren quälen – nicht der Leser bei der Lektüre. Damit das geling, beginnt die Erfolgsgeschichte eines guten Textes, bevor überhaupt das erste Wort geschrieben wird. Der Texter muss sich ein klares Bild des Sachverhalts machen, das Thema und die Zusammenhänge mit all ihren Konsequenzen verstehen – und trotzdem die Distanz behalten, um nicht Fach-Chinesisch nachzuplappern oder sich im Kordon der Innensicht des Auftraggebers zu verheddern.

Die entscheidenden Knackpunkte sind natürlich Verständlichkeit und Relevanz für die Zielgruppe, aber vor allem das gute Gefühl beim Lesen, das „zwischen den Zeilen“ geweckt wird. Klarheit („Ich weiß sofort, um was es geht“), Bestätigung („Es ist gut, dass ich das lese“), Respekt („Man nimmt mich ernst “) und klare Führung („Ich weiß, was jetzt zu tun ist“) sind die „geheimen Verführer“ des Texters. Auf der anderen Seite: Der Leser darf nie den Eindruck bekommen, dass man ihn für dumm oder naiv hält und ihm deshalb alles haarklein auseinandersetzen muss. Keine einfache Gratwanderung.

Aber damit sind wir schon mitten im Texten, und da warten die nächsten Klippen. Wenn Sie lesen „Der Abgeordnete sagte, er habe für das Gesetz gestimmt“: Ist das eigentlich dasselbe wie „Der Abgeordnete sagte, er hätte für das Gesetz gestimmt“?

Mehr dazu bald in Teil 2 unserer kleinen Serie.